Gr1su der Forumsdrache

08Apr10

Unlängst bin ich über „Gr1su“ gestolpert. Bei der Lektüre des ansonsten recht hochwertigen Onlineauftritts einer noch hochwertigeren deutschen Wochenzeitung stand der kleine Drache mir plötzlich im Wege. Der Autor des besagten Textes hatte sich zur Untermauerung und Untermalung seiner eigenen Worte Hilfe suchend an ein Internetforum gewandt und ein Statement eben jenes Gr1sus in seinen Artikel eingebaut.

Nun betreiben wir bei schwatzgelb.de ja auch ein kleines, aber feines Internetforum. Doch so sehr ich den Großteil der Nutzer in eben diesem Forum schätze: Ich möchte nicht, dass Zeitungen und Onlinemedien stur abschreiben, was „Yog-Sothoth“, „Sascha“, „WBSTRR“ oder „Ackermann“ so von sich geben, nur um mal ein paar Namen von mir wirklich sehr geschätzer Beitragsschreiber zu exemplarisch zu nennen.

Ich nehme mir heraus, dass ich glaube, bei der Mehrheit der User in unserem Forum inzwischen einschätzen zu können, ob ihre Beiträge eine gewisse Substanz besitzen – oder eben nicht. Bei Ackermann und Co. ist dies zweifellos der Fall. Doch um solches Wissen zu erlangen, muss man ein Forum wirklich über einen sehr langen Zeitraum beobachten. Schon im Board der BVB-Fanabteilung, in dem ich lediglich sporadisch lese, könnte ich dies nicht.

Umso problematischer finde ich es, wenn derartige Beiträge ihren Weg in die Medien finden. Als Einzelmeinung dargestellt, ist dies vielleicht sogar noch vertretbar, wenngleich man im Prinzip nur lang genug suchen muss, um für jede noch so abwegige Meinung wenigstens einen Beleg in Form eines Forumseintrags zu finden – zur Not lässt sich dieser sogar selbst anfertigen.

So richtig nach hinten los geht jedoch der Versuch, aus Internetforen repräsentative Meinungsumfragen und -tendenzen ableiten zu wollen. Beim Verfassen von Forenbeiträgen oder sonstigen Internetkommentaren handelt es sich schließlich nicht um demokratische Abstimmungsprozesse. Nicht immer gibt daher die bloße Anzahl von Beiträgen einen Aufschluss über das Meinungsbild.

Als Negativbeispiel fallen mir da sehr konkret die damaligen User „Acker“ und „Heuschrecke“ ein, die unser schwatzgelb.de-Forum seinerzeit ein ums andere Mal gegen Trainer Bert van Marwijk aufzubringen versuchten und nach erledigter Mission nie wieder gesichtet wurden. Beiträge und Diskussionen im Internet lassen sich – das ist die Krux des Medium – eben leicht manipulieren oder steuern. Trolle, die zeitweise ganze Foren auf Trab halten, existieren bereits seit den Usenet-Vorgängern der heutigen Internetforen, und so sollten gerade Außenstehende und insbesondere Journalisten derartige Diskussionen mit äußerster Vorsicht genießen.

Leider verlassen sich auch unsere Lokalmedien, allen voran die Ruhrnachrichten, oft zu sehr auf die Bequemlichkeit der Internetbeiträge. Dort, wo einstmals allein die Leserbriefe zu finden waren, finden sich neben den Zuschriften von Erika oder Hans Mustermann aus Selm zunehmend auch die Meinungsäußerungen von Snoppy0815 oder Mäuschen17. Identifkationsmöglichkeit gleich Null.

Unter dem Anstrich, mit der Zeit gehen und modern (= online) sein zu wollen, wird hier viel an Glaubwürdigkeit und Authentizität eingebüßt. Nennt mich antiquiert, aber ich bin ein leidenschaftlicher Leserbrief-Leser. In praktisch jeder Zeitung und jedem Magazin, das mir in die Hände fällt, lese ich mit als erstes die Leserzuschriften. Doch ich möchte dabei schon das Gefühl bekommen, dort die Beiträge echter und realer Menschen zu lesen.

Hinzu kommt: Wer etwas zu sagen hat, kann dies unter seinem eigenen Namen tun. Müssen tut das niemand, aber wer es nicht tut, sollte eben auch keinen Anspruch haben auf Zitierung und Veröffentlichung der eigenen Meinung.

Das alles ist im Übrigen keineswegs Kritik am Forum oder der Internetkommunikation an sich: Ich finde unser schwatzgelb.de-Forum nach wie vor großartig und liebe die Möglichkeiten, sich hier mit Tausenden über den BVB austauschen zu können. Man kann diskutieren, planen, streiten und lernt auf dem Wege im Idealfall sogar noch ein paar Zeitgenossen kennen, die auch abseits des Internets recht nette Menschen sind. Missen möchte ich die Foren und ihre Möglichkeiten darum keineswegs, vieles allerdings sollte nicht immer für bare Münze genommen werden, insbesondere von den Medien. In letzter Konsequenz sind die Diskussionen in Internetforen schließlich auch nur die moderne Form von Unterhaltungen in der U-Bahn oder am Tresen. Auch die kann theoretisch jeder mithören oder gar mitschreiben, sie finden aus gutem Grund jedoch eher selten Eingang in die Artikel von Ruhrnachrichten und Co.

Deshalb: Wenn ich online meine Zeit und bei papiernen Zeitungen sogar mein Geld opfere, möchte ich Texte zu lesen bekommen, die sauber recherchiert sind und in denen zu Wort kommende Personen dem Schreiber tatsächlich mindestens namentlich bekannt sind. Idealerweise sollte der Schreiber zudem einschätzen können, wie fundiert die Äußerungen des Zitategebers wirklich sind. Das sollte eigentlich nicht zu viel verlangt sein.



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