Anonym vs. Identifizierung

13Apr10

Wo an dieser Stelle letztens erst Foreneinträge und die dazugehörige Anonymität Thema waren, passt das Interview ganz  gut dazu, auf das ich heute im Bildblog gestoßen bin: Markus Hofmann, der Onlinechef der Badischen Zeitung, erläutert darin das neue Konzept des Mediums, bei Leserkommentaren ausschließlich noch Klarnamen zu akzeptieren.

Über Hofmanns Ansichten sollten allen voran die Entscheidungsträger bei derwesten.de mal intensiv nachdenken:

Wir sind der Meinung, dass ein Klima, in dem gepöbelt wird, in dem man sich beleidigt, einfach nicht zu einer Tageszeitung und zu dem Online-Auftritt einer Tageszeitung passt.

Aktuell ist das System zweifelsohne noch nicht ausgereift: Das Beharren auf Klarnamen findet, Hofmann gesteht das selbst ein, dort ein Ende, wo diese Namen nicht verifizierbar sind. Eine Verbindung zu Social Identity Providern, die eine echte Verifizierung von Identitäten sicher stellen würden, könnte der nächste Schritt sein.

Bezüglich dieser Thematik bin ich äußerst unentschlossen: Grundsätzlich sollte jeder zu dem stehen können und sollen, was er von sich gibt. Das wäre zumindet die Idealvorstellung. Doch will ich wirklich, dass meine Ansichten von heute in zehn Jahren noch für jedermann einsehbar sind? Oder gar in 50 Jahren? Im demokratischen Deutschland wäre das wohl maximal mit ein paar unangenehmen Konsequenzen verbunden, etwa wenn bei der Bewerbung dem Personalchef ein kritischer Kommentar zur Kommunalpolitik nicht gefällt. Was aber wäre, wenn ein Land – es muss ja nicht einmal Deutschland sein, wenngleich auch unsere Demokratie verhältnimäßig jung ist – in eine totalitärere Richtung abdriftet? Will ich dann immer noch für meine Aussagen vor Jahrzenten den Kopf hinhalten müssen?

Wir haben selbst bei schwatzgelb.de schon mal über eine ähnliche Lösung für das Forum nachgedacht. Zumindest die Nutzung von echten Vor- und Zunamen – und seien es gar nicht die richtigen – würde einem zweifelsohne ein anderes Diskussionsgefühl vermitteln. Es ist eben doch ein Unterschied, ob ich mich mit Hans Meyer unterhalte oder mit Snoppy28. Sympathien hege ich für die Lösung der Badischen Zeitung daher durchaus. Ich glaube nur nicht, dass es unseren Usern im Forum gefallen würde, geschweige denn dass wir bei schwatzgelb.de intern für so etwas eine Mehrheit finden würden.

So oder so müssen wir uns – wie alle Betreiber von Foren oder Kommentarfunktionen – daher immer weiter Gedanken machen, was wir zulassen und was eben nicht. Ich glaube, wir haben da in all den Jahren eine gute Linie gefunden, indem wir die Administrierung etwas strikter handhaben und durchaus auch mal nach eigenem Gefühl löschen. Bei derwesten.de ist genau das nämlich ein großes Problem: Viele Trolle dort haben sich inzwischen formidabel darauf spezialisiert, auf dem schmalen Grad des gerade noch erlaubten rumzuschippern. Das ist gerade in politischen Diskussionen oftmals schwer verdaulich, denn die dahinter liegende Intention der Beiträge ist meist offensichtlich.

Ich persönlich halte insgesamt nicht viel von Kommentarfunktionen in Massenmedien. Ohnehin sind mir die Diskussionsstränge in echten Foren lieber, als die oftmals dahingerotzten Aussagen in den Kommentarspalten. Wenn man diese aber nun mal anbietet, sollte man schon im Hinblick auf das Image des eigenen Mediums darauf achten, dass die Trolle möglichst wenig Spielraum bekommen. Gerade derwesten.de ist dafür ein warnendes Beispiel.



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