Schlau-Schlaus Coming Out

28Apr10

Viel ist gesagt und geschrieben worden, seit gestern bekannt wurde, dass „Mr. Borussia“ a. D. von Real Madrid ins Land Mordor wechselt. Die meisten Borussen reagierten bestürzt, betroffen, verärgert, vor den Kopf gestoßen, ungläubig und insgesamt auch ein bißchen hilflos. Ein paar wenige fühlten sich bestätigt. Ich gehöre zur zweiten Gruppe, denn mit dem Fußballprofi Christoph Metzelder habe ich gedanklich schon seit Jahren abgeschlossen.

Alles hat begonnen irgendwann im Jahre 2001, als wir bei schwatzgelb.de die Gelegenheit erhielten, ein Interview mit „Metze“ zu führen. Mit dabei damals: Ex-Redaktionsmitglied Sebi und sein Bruder Andi. SG war ein knappes Jahr alt und entsprechend war unsere Erfahrung gering und unsere Nervosität recht groß. Doch das Gespräch war super: Der gleichaltrige Christoph Metzelder entpuppte sich als angenehmer Gesprächspartner, plauderte ungezwungen über sein Leben und Borussia Dortmund und übernahm am Ende sogar unsere Rechnung in der Halterner Eisdiele, in der das Gespräch stattfand.

In den folgenden Jahren bekam ich noch zwei, dreimal die Gelegenheit, mich mit Christoph Metzelder zu unterhalten. An die Premiere in Haltern kam keines dieser Gespräche mehr heran, im Gegenteil: Bei unserem letzten Aufeinandertreffen – eine kleine Talkrunde, bei der wir damals Leser von schwatzgelb.de mit Spielern sprechen ließen – war ich regelrecht entsetzt über die Verwandlung, die „Metze“ in den Jahren durchlebt hatte. Der erste Smalltalk hatte ein halbes Jahr zuvor mit Lars Ricken stattgefunden und war ein voller Erfolg gewesen. Lars nahm sich stundenlang Zeit, um mit uns und den eingeladenen Lesern zu plaudern, erzählte Anekdoten und schien selbst viel Spaß an der Runde zu haben.

Doch wie anders verlief das Gespräch mit Christoph Metzelder: Wo Lars Ricken aus dem Nähkästechen geplaudert hatte und selbt sichtlich Freude gehabt hatte, spulte Christoph Metzelder routiniert sein inzwischen gewohntes und aus TV-Interviews bekanntes Profifußballer-Programm ab: Glatt gefeilte und nichtssagende Aussagen wechselten sich ab mit Plattitüden und luftblasengleichen Bekenntnissen. Die Authentizität und die Freude an seinem Dasein als Profifußballer, die Christoph Metzelder 2001 in Haltern noch ausgezeichnet hatten, waren verschwunden. Erschrocken fuhr ich heim.

Ein Jahr später folgte der Wechsel nach Madrid. Ablösefrei und im Anschluss an abgebrochene Vertragsgespräche mit dem BVB, die bei manchem Fan den Gedanken des Undanks aufkommen ließen. Immerhin hatte „Metze“ zuletzt mehr Zeit im Krankenbett zugebracht, als auf dem Fußballplatz, derweil der BVB stets zu ihm gehalten hatte. In der Mannschaft wurde Metzelder dem Vernehmen nach zuletzt spöttisch „Dr. Schlau-Schlau“ genannt, Jürgen Röber ließ in einem finalen Interview zu seiner Zeit als Interimstrainer kein gutes Haar an der Arbeitsauffassung des vermeintlichen Musterprofis.

Für mich hat sich seinerzeit deshalb ein stimmiges Bild zusammengesetzt, das durch den nun bekannt gewordenen Transfer lediglich bestätigt wird. Das Coming Out des ach so dem BVB und seinen Fans verbundenen „Mr. Borussia“ hat mich nicht wirklich überrascht. Leid tut es mir lediglich für all jene, die in Christoph Metzelder einen der ihren vermutet und ihm einen Teil ihres Herzens geschenkt haben.

Oder um es mit Marcio Amoroso zu sagen, der diesen Worten ebenfalls nie gerecht wurde:

Menschen, deren Herz am Fußball hängt, darf man nicht enttäuschen.



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